9. Juni 2020 - 9. November 2020 | Kunstpause

Helmut Rieger „L'âge d'or“. Visionen vom goldenen Zeitalter

Eine Werkbetrachtung von Inga Harenborg

Die äußeren Daten des Gemäldes „Heimkehr“ aus dem Zylkus „L'âge d'or“ sind rasch referiert: Acryl auf Sperrholz, 1998, 100 x 120 cm, bezeichnet rechts unten H. RIEGER, 1998 

Voll intensiver, strahlender Farbigkeit ist Helmut Riegers Bilderzyklus „L' âge d'or“ – das goldene Zeitalter. Visionen eines Künstlers von einem paradiesischen Zustand, von Glück, Freiheit und Selbstbestimmung. Ohne Scham zeigen sich die Menschen nackt, meist sind es Paare, Mann und Frau, denen der Maler feste Rollen zuteilt. Der Mann geht auf die Jagd, taucht mit einem großen schwarzen Fisch auf den Schultern aus den Fluten auf, am Strand wartet seine Gefährtin. In vielen Variationen gibt es dieses Motiv.

Das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren

Andere Szenen dieser Reihe zeigen nackte Frauen mit zahmen Leoparden oder schwarzen Panthern. Das, was auf den ersten Blick so paradiesisch anmutet, öffnet beim zweiten Blick jedoch auch andere Sichtweisen. Denn der Mann schleppt schwer an seinem Fisch, und die Frau wirkt durch die kräftig roten Konturen isoliert. Am Ufer sitzend greift sie sich mit der linken Hand in das wehende offene Haar. Ein Bein angewinkelt und von der anderen Hand gehalten, scheint sie sich dem warmen Sommerwind hinzugeben. Der Mann präsentiert ihr seine Trophäe, wendet ihr dabei jedoch seinen Rücken zu. Beide beziehen sich in ihrer Haltung nur indirekt aufeinander. Zwei Energiefelder, zwei innere Wirklichkeiten. Der Fisch als Symbol für Nahrung, Fülle und Fruchtbarkeit ist das verbindende Bildelement.

Kraftvoll leuchtende und kontrastreiche gelb, grüne, blaue Töne und vor allem ein warmes leuchtendes Rot dominieren das hier vorgestellte Bild. Schwarz vermittelt den mythischen Aspekt der Werkphase und birgt die Assoziationen des Unbewussten und Magischen, auch des Schmerzhaften und Bedrohlichen in sich. Insgesamt zeichnet sich die Farbwirkung durch einen warmen, sinnlichen Grundton aus, der die pulsierende lebensspendende Kraft zum Ausdruck bringt.
Thematisch findet sich diese Bildatmosphäre im Bereich des Mythischen. Riegers erklärtes Ziel war es, die Magie der „Realität“, das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren zu zeigen. So kann der Fisch archetypisch als Symbol für die unter Wasser verborgene Wahrheit gedeutet werden, die es zu entdecken und ans Licht zu holen gilt. Im Verborgenen schillernd, entgleitet sie dem Fischer leicht, verspricht aber Nahrung. Als ein Ausdruck lebensspendender Energie und als inspirierender und nährender Inhalt der Seele steht er für Glück, Reichtum, Fruchtbarkeit und Zeugungskraft.

Obwohl Helmut Rieger nie selbst in Afrika war, hat er in seiner Fantasie seine eigenen Afrika- Vorstellungen entwickelt und diese in seinen Bildern verarbeitet. Er entwickelte irreale, fast mythisch-verklärte Fiktionen von Afrika, die er dann – ganz dem Expressionismus verpflichtet –
in teils farbintensiven, teils Schwarz-Weiß-Braun-Tönen oder Erdfarben malt. Mit kräftigem Pinselduktus bannt der Maler Erinnerungen an uralte magische Zeiten auf den Malgrund. Der Grund für Riegers Interesse am „schwarzen Kontinent“ und der intensiven Beschäftigung mit afrikanischer Kunst und Kultur in verschiedenen Bilderzyklen liegt auch in zwei lebensbedrohenden Krankheitsphasen in den 1970er- und 90er-Jahren. „Es ist keine Flucht, sondern ist vielleicht auch eine Überlebensstrategie, dass man in solchen Situationen sich Themen zuwendet, um sich selber wieder zu festigen.“ Er male diese ganz einfachen Dinge, sagte Helmut Rieger, die die Urthemen der Kunst ausmachten: Geburt, Einsamkeit, Tod, Kampf, Jagd, Liebe.
 

Explosive Grundfarben

Rieger bedient sich nicht nur einer adaptierten afrikanischen Formsprache, die in ihrer
 Abstraktion den langgliedrigen Figurentypus mit schmalem Kopf und verhältnismäßig großen Händen und Füßen nachahmt, sondern auch Kompositionsprinzipien, wie sie bereits die Antike in ihren Bilderfriesen kannte. So handelt es sich in den unterschiedlichen Bildwerken eines Zyklus, die wie ein Bilderfries miteinander verknüpft werden könnten, um jeweils eigenständige jedoch thematisch zusammengehörende auf einander bezogene Handlungen. Auch sind Beziehungen von Riegers Gemälden zur Kunst des Barock spürbar.

Die in den explosiven Grundfarben rot, gelb und blau mit viel schwarz verwobenen
 Bildelemente verraten zudem Riegers Affinität zu den dänisch-flämisch-niederländischen 
Cobra-Künstlern (1948-1951), die danach strebten, den Expressionismus mit den Stilmitteln des Informel wiederzubeleben. Er bezeichnete sich selbst jedoch nicht als informellen Maler, sondern als „Figurenmaler“. Die Abstraktion bleibt in seinem Werk stets gegenstandsbezogen und die Bindung an die körperlich-figurale Tradition immer dominierendes Element. Die völlige Auflösung des Gegenstandes als Mittel der zeitgenössischen informellen Kunst bleibt von ihm unbeachtet.

Der ursprüngliche Antrieb dieser künstlerischen Auseinandersetzung, Verweise auf Zeitgeschehnisse und persönliche Erfahrungen werden hier in formale bildnerische Lösungen eingebunden und durch Metaphern von der zeitgebundenen Realität in eine zeitlose und damit überzeitliche Ebene umgesetzt. Damit erziehlt Rieger eine Distanz, die seine Themen für allgemein gültig erklärt. Der enge Bezug zur Biographie des Künstlers ist in den symbolhaften, mythologisch verankerten Bildwelten für den Betrachter oft nicht mehr wahrnehmbar, wohl aber die existentielle Energie, der sie entspringen.


Termine für individuelle „Single-Art“ Kunstführungen können unter der Nummer 01 72 / 847 17 18 oder per E-Mail unter harenborg@kraenholm.de vereinbart werden.