Manfred Schmidt

Manfred Schmidt

Mit den doppelbödigen und gesellschaftssatirischen Abenteuern des Meisterdetektivs Nick Knatterton in der Illustrierten Quick wurde Manfred Schmidt in den 1950er Jahren ein Wegbereiter des Comics in der jungen Bundesrepublik.

Bereits als 14-Jähriger veröffentlichte der am 15. April 1913 in Bad Harzburg geborene und in Bremen aufgewachsene Schmidt erste humoristische Zeichnungen in den Bremer Nachrichten und in der Weser-Zeitung. Nach dem Abitur 1930 begann er ein Studium in der Grafikklasse an der Staatlichen Kunstgewerbeschule der Hansestadt. Nach einem abgebrochenen Volontariat bei der Ufa-Filmgesellschaft in Babelsberg heuerte Schmidt im Herbst 1933 beim Berliner Ullstein-Verlag an. Als zeichnender Journalist lieferte er verschiedenen Blättern des Verlages, darunter der BZ am Mittag, der Berliner Illustrierten und der Grünen Post, heiter-ironische Eindrücke des gesellschaftlichen Tagesgeschehens und von allgemein menschlichen Alltagsszenen. Zudem gestaltete er Werbemotive und Bühnenbilder für ein Berliner Varieté-Theater und zeichnete erste humoristische Reisereportagen, beispielsweise im Jahr 1938 als Begleiter von Schwergewichtsboxer Max Schmeling auf der Überfahrt nach New York zum Rückkampf gegen Joe Louis.

Während des Zweiten Weltkriegs fertigte Schmidt nach redaktionellen Vorgaben politische Karikaturen für die Berliner Tagespresse und Witzzeichnungen für Armee-Zeitschriften. Zwischenzeitlich war er für die Deutsche Zeichenfilm GmbH in Berlin tätig. Nach der Einberufung zur Wehrmacht 1942 wurde er zur Herstellung von Propagandamaterial für das Inland sowie für das gegnerische und neutrale Ausland eingesetzt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit veröffentlichte Schmidt humoristische Zeichnungen und Textbeiträge in verschiedenen Zeitungen und in der von Erich Kästner in Stuttgart gegründeten, demokratisch-pazifistisch ausgerichteten Zeitschrift Pinguin. 1947 erschien Schmidts bitter-ironisches Bilderbuch für Überlebende.

Ein Jahr später begann Schmidts Tätigkeit als Zeichner für die Illustrierte Quick in München. Hierin erschienen von 1950 bis 1964 über 500 Folgen der laut Schmidt als überdrehte Parodie auf amerikanische Comics angelegten Krimi-Serie Nick Knatterton. Der Erfolg der mit Seitenhieben auf die Bonner Gesellschaft und Politik gespickten Geschichten trieb nicht nur die Auflage der Quick in die Höhe, sondern führte auch zum Nachdruck der Abenteuer in Buchform. Mit einer für die damalige Zeit verhältnismäßig breiten Produktpalette von Spielwaren bis hin zu Waschlappen wurde Knattertons Vermarktung vorangetrieben. Eine Realverfilmung mit Karl Lieffen, Gert Fröbe, Wolfgang Neuss und anderen Größen des bundesdeutschen Nachkriegsfilms kam im Januar 1959 in die Kinos.

Parallel zu den Knatterton-Geschichten gestaltete der Zeichner Werbeanzeigen, u.a. für Spirituosen, Herrenbekleidung, Taschentücher und Rasierklingen, und bebilderte Reisereportagen für die Quick. Ab 1960 erschienen Schmidts illustrierte Reiserlebnisse an Stelle von Nick Knatterton als reguläre Serie. Für seine Berichte bereiste er im Auftrag der Quick Deutschland, das europäische Ausland, Israel und Nordafrika. Auch diese »verschmidtsten« Reportagen wurden in Buchform nachgedruckt und finden Neuauflagen bis in die Gegenwart.

Die Popularität seiner Beiträge für die Quick, sein Talent als Schnellzeichner und sein augenzwinkerndes Auftreten machten Schmidt in den 1950er und 1960er Jahren zu einem gern gesehenen Gast in Fernsehshows von Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Maegerlein und Lou van Burg. Ab 1966 arbeitete er zusätzlich als Drehbuchautor und Regisseur von Reisefilmen für das Fernsehen.

Nachdem Schmidt der Quick den Rücken gekehrt hatte, richtete er sich 1972 ein Zeichentrickfilm-Studio in seinem Privathaus ein und produzierte mit einem 5-köpfigen Team kurze Trickfilme nach eigenen und fremden Vorlagen, Werbespots und -anzeigen. So entstanden in seinem Studio unter anderem ca. 200 Zeichentrickfilm-Spots nach Vorlagen des argentinischen Zeichners Mordillo für das Westdeutsche Werbefernsehen (WWF) und die Deutsche Fernsehlotterie (Ein Platz an der Sonne). Ebenso kam es zu Trickfilm-Kooperationen mit Schmidts langjährigem Freund und Nachbarn Vicco v. Bülow alias Loriot.

Ende der 1970er Jahre entwickelte Schmidts Studio 15 Episoden einer Nick-Knatterton-Zeichentrickserie. Dem folgten 1982 zwei neue Knatterton-Comic-Staffeln in der Programmzeitschrift Fernsehwoche. Zudem wurde der markante Meisterdetektiv in den 1980er Jahren mehrfach als Werbefigur für unterschiedliche Produkte, darunter Erfrischungsgetränke, Medikamente, Computer und Heizungsthermen, verwendet.

1989 zog sich Manfred Schmidt in den Ruhestand zurück und entsorgte einen Großteil seiner Zeichnungen im Altpapier. Am 28. Juli 1999 verstarb er in seinem Haus in Ambach am Starnberger See.


Zitate von Manfred Schmidt

Für die Presse war Manfred Schmidt nicht nur wegen seines zeichnerischen Talents, sondern auch wegen seiner augenzwinkernden Kommentare und unterhaltsamen selbstironischen Anekdoten ein gefragter Interviewpartner. Hier einige typische Beispiele:

Manfred Schmidt … über sich selbst:
- „Ich bin eine Doppelbegabung: Ich kann weder zeichnen noch schreiben.“
(Schmidt gab als Urheber dieser Worte auch gern seinen Freund Loriot an.)
- „Ich bin einer der melancholischsten Menschen, die es gibt.“

… über seine Arbeit:
- „Es muss nicht aus mir heraus. Ich bin kein Künstler. Es gibt keine freiwillig gemachte Zeichnung von mir. Ich liefere meine Männchen auf Bestellung, so wie andere Reißnägel oder Brötchen liefern.“
- „Man darf sein Publikum nie enttäuschen, nie aus seinen Vorurteilen und Illusionen reißen.“
- „Humor produzieren heißt vor allem logisch denken, Kausalketten abspulen und die Dekoration runterräumen, um zu sehen, was dahinter ist. Ein Humorist analysiert Menschen und Situationen, dekuvriert [= entlarvt] sie mit einem Witz und zeigt, wie sie wirklich sind.“

… zu seiner Karriere beim Ullstein-Verlag in den 1930er Jahren:
- „Ich konnte meinem angeborenen Hang zur Faulheit und kontemplativer Lebensführung frönen, auf Kaffeehausterrassen herumsitzen und mir dummes Zeug ausdenken, alles gegen Bezahlung!“

… zu seiner erfolgreichsten Schöpfung Nick Knatterton:
- „Sein Vater bin ich. Seine Mutter ist der Zufall. Als Hebamme fungierte der damalige Quick-Redakteur Anton Sailer, in Fachkreisen »Humor-Toni« genannt.“
- „Ich habe das richtig wissenschaftlich aufgebaut. Das war synthetischer Humor.“
- „Zehn Jahre meines Lebens hat mir dieser Kerl zur Hölle gemacht.“

… zum Medium Comic:
- „Die idiotischste aller Erzählformen“

… zu seinen Reisereportagen:
- „Ich erzähle nur, was ich gesehen habe. Selbst, wenn es noch so absurd scheint, es hat sich so abgespielt.“
- „Die Welt ist so grotesk, dass man sich gar nicht viel ausdenken muss.“